Der Johannisberger Friedrich Hottenroth

© 2002 Rudolf Edinger
1840-1917    
 

Ein großer Sohn Johannisbergs, der kaum bekannt ist und demzufolge in seinem Heimatort leider niemals gebührend gewürdigt wurde, ist der Lithograph, Trachten- und Brauchtumsforschers Friedrich Hottenroth. Sein Leben und sein Werk sind es jedoch sehr wohl wert, ihn, der gleichzeitig auch Maler und Schriftsteller war, stets als eine bleibende Erinnerung in den Herzen der Rheingauer zu bewahren.

Als älterer Bruder des letzten ehrenamtlichen Bürgermeisters von Johannisberg, Valentin Hottenroth, erblickte Friedrich am 6. Februar 1840 in Johannisberg als dritter von vier Söhnen und einer Tochter des Johann Josef Hottenroth und dessen Frau Susanna geb. Gehring, das Licht der Welt. Die Großmutter war übrigens eine Schwester des bedeutenden Publizisten Johannes Weitzel.

Schon als Kind soll er ein bedeutendes Maltalent gezeigt haben, was offensichtlich in seiner Familie häufig war. So soll er schon als kleiner Junge  Johannisberger Bürger so lebensnah gezeichnet haben, dass man sie unschwer erkennen konnte. Um diese Talente zu fördern erhielt er von "Godefroy de Mumm", dem damaligen Besitzer des Mumm'schen Weingutes, ein Stipendium für den Besuch eines Gymnasiums (verm. in Montabaur). Ob und  welche Studien er danach betrieben hat ist nicht bekannt. Jedenfalls wurde er als ein "vorzüglicher Lithograph" gerühmt und war wohl als Autodidakt, sein eigener Lehrmeister.

In den Jahren von 1873 bis 1877 lieferte Friedrich Hottenroth die Illustrationen zu dem Buch "Illustrierte Geschichte des deutschen Volkes" von Wilhelm Zimmermann. Dann gab er auch eigene Bücher heraus. Zunächst arbeitete er in den Jahren 1879 bis 1891 an seinem Buch über Trachten und Gerätschaften der Völker.  Dazu zog er von Frankfurt am Main von Anfang bis Mitte der 1890er Jahre nach Stuttgart und später wieder zurück nach Frankfurt. Weitere Stationen seines Arbeitslebens waren u. a. Herborn u. Hamburg.

An Feiertagen und zu Familienfesten war er jedoch - so oft es ihm möglich war - daheim in Johannisberg.

Durch seine brillanten Zeichnungen und die ansprechende Aufmachung seiner Bücher wurde er zu seiner Zeit hoch geschätzt.

Es folgten 1898-1902 drei Bände über deutsche Volkstrachten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.

Von 1901 bis 1906 lebte Friedrich Hottenroth - sehr zur Freude seines Neffen - und um sich "einige Erholung" zu gönnen, wieder in Johannisberg. Zunächst bei seinem Bruder Carl und ab November 1903 bei seinem jüngsten Bruder, dem einstigen Klavierfabrikanten und damaligen Johannisberger Bürgermeister, Valentin. Von hier aus unternahm Friedrich mit dessen Sohn Valentin große gemeinsame Fußtouren, auf denen der Künstler immer wieder sein Skizzenbuch mit neuen Motiven füllte. Ende des Jahres 1902 wurde ihm, vom Verein für nassauische Alterskunde und Geschichtsforschung, die Arbeit an dem Buch "Nassauische Volkstrachten" definitiv übertragen und er hätte sie sogleich in Angriff nehmen können, wenn nicht unglücklicherweise gerade zu dieser Zeit eine Augenerkrankung ihm jede weitere Arbeit unmöglich gemacht hatte. So jedoch musste er sich in Wiesbaden einer Augenoperation unterziehen. Erst im Februar 1903 konnte er mit der neuen Arbeit beginnen. Es dauerte 2 Jahre bis sein Buch erschien. Für seine Arbeiten zu den Trachtenstudien besuchte er nicht nur Bibliotheken und Museen, sondern auch die Gegenden, in denen Volkstrachten noch getragen wurden oder wo er noch Reste davon in den Schränken und Truhen der Nachkommen aufstöbern konnte. Dazu unternahm er auch mehrwöchentliche Fußwanderungen, die in u. a. von Johannisberg über die Lahn zum Westerwald bis in das südliche Westfalen (Sauerland) führte.

Ein ausgezeichneter Kunstkenner seiner Zeit, Prof. Dr. Julius Hülsen, Frankfurt a. M. schrieb über den Johannisberger Künstler in einem Artikel der Frankfurter Zeitung (Nr. 354 vom 22.12.1911) : „Es ist nun ein glücklicher Umstand, dass bei Hottenroth....... der Autor des Textes auch zugleich sein eigener Illustrator ist. Hottenroths Zeichentechnik weist für diesen Zweck alle Vorzüge des behutsam und in reinlicher Manier arbeitenden Lithographen älteren Stiles auf. Der jetzt über Siebzigjährige ist im figürlichen Zeichnen, das er meisterhaft, ein wenig an die Art eines Schnorr von Carolsfeld anklingend beherrscht, sein eigner Lehrer gewesen.....und es ist erstaunlich, wie vortrefflich er seine Kostümfiguren belebt und sie so natürlich gestaltet, dass wir beim Durchblättern der Tafeln keine leblosen Schemata sondern künstlerisch abgerundete, lebenswahre Genreszenen vor uns haben."

Im Alter von 72 Jahren veröffentlichte Friedrich Hottenroth dann 1912 noch ein weiteres Buch über die Geschichte der "Altfrankfurter Trachten".

Die meisten Informationen über das Leben des Künstlers haben wir den Aufzeichnungen seines Neffen Dr. Valentin Hottenroth, dem Sohn des Bürgermeisters, zu verdanken. Er veröffentlichte in Familienchroniken 1923 und 1935 die Erinnerungen an seinen Onkel "Fritz", wie Friedrich in der Familie genannt wurde.

"Recht charakteristisch war Ausmarsch und Heimkehr bei dieser Forschungsreise: Die Ledertasche umgehängt, den Schirm unterm Arm verlies der Forscher Onkel Karls Haus durch Hintertüre und Garten mit flüchtigem Gruß, als handele es sich nur um einen kurzen Spaziergang. Als Bruder und Schwester ihm nachgingen, um ihm Lebewohl zusagen und Gute Reise zu wünschen, sagte er: „Man meint, ich ginge nach Amerika“. Und ebenso kam er eines Tages wieder durch Garten und Hinterpforte herein, wie von einem kleinen Spaziergang. Aber fast an jedem Tag seiner Abwesenheit traf eine Postkarte ein, und diese Postkartensammlung stellt im Zusammenhang gewissermaßen als Tagebuch den gesamten Verlauf der Reise und ihre Ergebnisse dar."

Weiterhin erfahren wir dort, wie er als Kind mit eigenen Augen beobachtet habe, das sein Onkel "seine Gestalten", ohne vorher eine Skizze oder Zeichnung angefertigt zu haben, aus dem Kopf mit der Stahlnadel in den Stein eingrub. Er beschreibt auch die Persönlichkeit des Onkels und den ungeheuren Arbeitseifer, mit dem er allen Spuren typischen Volkstums nachging, um sie in allen Einzelheiten in seinem Skizzenbuch festzuhalten. "Wie er in allen seinen Werken den Fäden des Rein-Historischen nachgeht, wie er unter die Oberfläche schaut und die inneren Zusammenhänge herausschält, das verrät neben dem Maler den echten Historiker." 

     

Besonders tief und ausgeprägt war Friedrichs Liebe zum Rheingau und zu seinem Heimatort. Auch während seiner Reisen für die Recherchen zu seinen Büchern war er immer sehr an allem interessiert, was "im Rheingau so vorfiel". Mit seiner Familie, besonders mit seiner Schwester führte er deshalb einen intensiven Schriftverkehr. So war er immer gut informiert und im übrigen auch in der Fremde stets eine guter Botschafter seiner Heimat, der nicht Müde wurde immer von neuem die Rheingauer Landschaft und deren Vorzüge zu preisen.

Auch in der Beschreibung der drei von ihm angefertigten Rheingauer Trachtenbilder sehen wir, dass er sich seiner Heimat ganz intensiv in Geschichte, Brauchtum und Zunftwesen gewidmet hat. Die Texte beschreiben besonders anschaulich die alten Bräuche seiner Heimat.

 

Die Kleidung der Deutschen

Friedrich Hottenroth - Die Kleidung der Deutschen

Neuauflage von Handbuch der deutschen Tracht: 1892-96
Gewänder und Zugehöriges von den Germanen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

 

Der Lithograph sei niemals ein festes Angestelltenverhältnis eingegangen. Aber er war, trotz größter Bescheidenheit und eiserner Arbeitsdisziplin zeitlebens ein großer Künstler gewesen, der allerdings auch einen "eisernen Starrsinn" und seine Eigenheiten hatte, die sein Neffe als "Typisch für Künstler" bezeichnete. Friedrich Hottenroth lebte sehr bescheiden und blieb unverheiratet. Als einziger Chronist und Lithograph seiner Zeit hat er durch seine Bücher die Kenntnisse der Trachten und des Brauchtums für die Nachwelt lebendig erhalten.

Der Künstler selbst schreibt im Vorwort zu einem Buch: "Noch gehört die Kenntnis unserer alten Trachten nicht zu den selbstverständlichen Voraussetzungen der deutschen Kultur und man behandelt sie als ein Nebenkind der historischen Wissenschaft doch mehren sich die Anzeichen, daß man sich einmal um das, was unsere Vorfahren auf dem Leibe getragen haben, nicht minder kümmern wird wie um das, was sie geschaffen und gewirkt haben."

Seinen Lebensabend verbrachte Friedrich Hottenroth in einem "Heim für mittellose Künstler" in Frankfurt am Main. Dort ist er auch am 26. Mai 1917 gestorben. Dann blieb er zunächst für lange Zeit vergessen. Aber vor einigen Jahren wurden zwei seiner Bücher neu verlegt und fanden nicht nur in Deutschland guten Absatz. Seine Werke und Erzählungen sind eine Fundgrube für Heimatkundler und Schriftsteller. Die von ihm häufig verwendeten zart-pastelligen Farben seiner Trachtenbilder und die typische Körperhaltung der meist im Gespräch dargestellten Personen zeigen uns noch heute lebensnahe Szenen aus dem bäuerlichen Leben jener Tage.

Mehr über den Künstler, sein Werk und seine Familie kann man übrigens im Johannisberger Dorfarchiv erfahren, das vom Förderkreis Weindorf Johannisberg 1993 eingerichtet wurde und bis heute unterhalten wird. Wenn Sie selbst noch nicht dort waren, dann besuchen Sie doch auch einmal das Johannisberger Dorfarchiv, das 2003 sein 10jähriges Jubiläum feiern konnte.

 

Friedrich Hottenroths Meisterwerke waren:

  • Deutsche Volkstrachten
  • Handbuch der deutschen Tracht (Neu aufgelegt unter dem Namen: Die Kleidung der Deutschen)
  • Die Nassauischen Volkstrachten
  • Trachten, Haus-, Feld und Kriegsgeräte der Völker alter und neuer Zeit

 

http://www.costumegallery.com/germbook.htm

Weitere Hottenroths aus Johannisberg:

 
     
Einen weiteren Bericht über Friedrich Hottenroth von Hedwig Witte finden Sie hier...    
     
 

 

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