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Da sich das kalte Wasser des alten Johannisberger
Wäschbrunnens hervorragend für die innere und äußerliche Anwendung eignete
und die sehr gute Lage des nicht zuletzt durch die Rheinromantik bekannten
Johannisberges Profit versprachen, fanden sich einige Investoren und so kam
es hier im Jahr 1856 zur Gründung der
"Wasserheilanstalt-Gesellschaft zu Johannisberg".
Das Stammkapital wurde durch die Ausgabe von 48
Aktien zu je 500 Gulden gedeckt. Die Lage in der Nähe des Rheins mit seinen
neuen Dampfschiffahrtsverbindungen und die gute Verkehrsanbindung durch die
inzwischen schon bis Geisenheim gebaute Bahnstrecke aus Wiesbaden, waren
gute äußere Bedingungen für die Anziehung von Kurgästen, die von der
Bahnstation mit der Kutsche abgeholt werden konnten.
Die Johannisberger Gesellschaft ließ ein
prächtiges Kurhaus in bester Lage mit zunächst 13 Gästezimmern über dem
Ortsteil "Grund" erbauen. Weitere Zimmer standen den Gästen auch in den
Johannisberger Gasthäusern zur Verfügung. Am 28. Oktober 1857 erteilt der
Herzog von Nassau eine Konzession für die "Heilanstalt Johannisberg"
in der neben einer Kaltwasserbehandlung, auch warme Bäder wie Dampf- und
Kiefernnadelbäder sowie Heilgymnastik und Traubenkuren und in späteren
Jahren auch die Elektrotherapie angeboten wurden.
Erster med. Leiter war der Medizinalassistent
Dr. Gustav Lange. Ein Artikel in der Balneologischen Zeitung von 1857 machte
die Fachwelt und das Publikum auf die vielseitigen Heilmethoden der neuen
Kur-Anstalt aufmerksam. Dr. Lange wechselte 1866 nach Bad Ems und Dr.
Alexander Marc aus Arolsen wurde sein Nachfolger. War das Kurpublikum
früherer Jahre zunächst noch weitgehend adlig und lebte in einer
exklusiven, eigenen Welt, so spielten soziale Schranken in der
Kurgesellschaft nach Mitte des 19. Jahrhunderts kaum noch eine Rolle.
Dementsprechend war bald auch das ???bürgerliche Element“ zahlenmäßig
überlegen. Ein Bericht von 1872 erklärte, das hier besonders die Frauen der
gebildeten Bürgerkreise kurten. Aber auch z.B. der Erbprinz von
Mecklenburg-Schwerin habe hier einen Teil des Sommers mit seinem kleinen
Hofstaat verbracht und wurde in dieser Zeit von seinen Eltern besucht. So
erfreute sich die Heilanstalt in Bad Johannisberg trotz der Konkurrenz
vieler älterer und renommierter Wasserheilanstalten im Umkreis ständig
wachsender Besucherzahlen. Durch das im Herzogtum Nassau weitgehend
verstaatlichte Kurwesen, war die ???Badesaison“ übrigens überall, mit der
Ausnahme von Wiesbaden, auf das Sommerhalbjahr beschränkt.
Zu Werbezwecken wurden von Dr. Marc 1874 eigens
ein ???Prospect“ gedruckt. Im gleichen Jahr wurden als Maximum aller Jahre
325 Kurgäste gezählt. Im Frühjahr 1877 ging die Gesellschaft nach einem
Umbau in den Besitz des Konsortiums "Klein u. Cie" über und die
medizinische Leitung wechselte abermals. Dr. Marc ging nach Bad Wildungen
und wurde dort als Spezialist für Blasenstein-Operationen berühmt. Dessen
Nachfolger Dr. Heinrich P. Caster brachte ebenfalls ein Werbeheft heraus.
Am 14. Oktober 1878 besuchte der Redakteur einer
in Dresden verlegten Fachzeitschrift die inzwischen von Dr. Spieseke
geleitete Johannisberger Heilanstalt und schwärmte von deren Lage und
Wasserqualität. Die Verpflegung kostete damals M. 4,50 am Tag, das Zimmer
M. 1-4 je nach der Wahl, der Arzt wöchentlich M. 4,50 (erste Konsultation M.
10), die Kaltwasseranwendungen wöchentlich M. 5; alle anderen Maßnahmen
wurden separat berechnet.
Nach Ende der Kursaison 1878 ruhte der
Kurbetrieb bis zum Herbst 1880.
Neue Wege
Ab dem Herbst 1880 wurde die
Kaltwasserheilanstalt dann unter der Leitung des Nervenarztes Dr. Ewald
Hecker als "Kuranstalt für Nervenleidende mit Ausnahme von
Geisteskranken" betrieben.
Viele körperliche Funktionsstörungen waren
inzwischen als nervöse Störungen erkannt worden, wodurch die Spezialisierung
einzelner Natur-Heilanstalten zu Nervenheilanstalten erklärlich ist. Dr.
Hecker gab wissenschaftliche Veröffentlichungen heraus und stand mit anderen
fachlichen Größen in Kontakt, wie aus der Medizingeschichte und aus
Widmungen bekannt ist, die in seinem Nachlass gefunden wurden.
Elektrotherapie
Wie andere Ärzte vertrat auch Dr. Hecker die
Überzeugung, dass es die Folgen der Industrialisierung waren, welche die
Menschen nervös und erholungsbedürftig machten. Das Nervensystem wurde mit
einer elektrischen Batterie verglichen, die man bei Energieverlust von Zeit
zu Zeit "aufladen" müsse. Starke Erschöpfung und Funktionsschwächen des
Verdauungsapparats, der Herzfunktion und der Sexualität waren wichtige
Symptome für die Diagnose der Nervenschwäche.
Die Elektrotherapie, erstmals bereits 1730
angewandt, wurde nach einer amerikanischen Veröffentlichung von 1867 in
modifizierter Weise in der Wanne, in Teilbädern oder als lokale Anwendung
zunehmend beliebt und zur Anwendung gebracht.

Massage und
Heilgymnastik
Die Massage als wieder entdecktes uraltes
Volksmittel entsprach im späten 19. Jahrhundert dem neuen Verständnis von
Körper orientierter Behandlung insbesondere auch in der Behandlung nervöser
Störungen. Man wollte den erschlafften Nerven- und Muskelzustand dadurch
wieder frisches Leben geben, indem der träge, teilweise ins Stocken geratene
Blutumlauf erneut Beschleunigt und auf diese Weise eine erhöhte Tätigkeit
des Stoffwechsels herbei geführt wurde. Das Streichen und Kneten und
schließlich ein (auch 'Hacken' genanntes) Beklopfen und Beklatschen der Haut
und der Muskeln durfte von 5 bis auf 15 Minuten ausgedehnt werden, je nach
dem vorhandenen Kräftevorrat des Kranken. Mancherorts wurde die Massage auch
in Form leichter "magnetischer Streichungen" durchgeführt. Das
"Magnetisieren" war umstritten. Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer
(1734-1815) hatte es aufgebracht. Später wurde der "Mesmerismus" zur Hypnose
fortentwickelt, wovon viele Kranke bis zum heutigen Tage profitieren.
Übungen zur Haus- und Zimmergymnastik, sowie allerlei Übungsgruppen zur
körperlichen Ertüchtigung waren in Heilanstalten üblich. Die Wirkungen der
Leibesübungen in ihrem Einflusse auf den Stoffwechsel im allgemeinen, auf
die Muskulatur, die Atmung und das Nervensystem im besonderen wurden
propagiert.
Die Traubenkur
Sie bestand in dem täglichen, regelmäßigen
Genuss von 1-6 Kilogramm süßer Trauben unter Ausschluss der Schalen. Je nach
gewünschtem Effekt - mal abführend, mal kräftigend - wurden die Trauben
teils ausschließlich, teils zusätzlich zur Nahrung eingenommen. Die Hälfte
der Trauben wurde gewöhnlich nüchtern, eine Stunde vor dem Frühstück
genossen, ¼ vor dem Mittagessen und das letzte Viertel zwei Stunden vor dem
Nachtmahl. Diese Diät fand ihre Anwendung bei Hämorrhoiden,
Stuhlverstopfung, Hypochondrie, Blutstauung in den Lungen und Fettsucht. Die
Anmerkung scheint berechtigt, dass auch bei dieser Kur der klimatische
Charakter des Traubenkurortes vieles, vielleicht das Meiste leistet.
Wegen Neu- und Umbauten in Johannisberg siedelte
der Kurbetrieb vom Oktober 1887 bis April 1888 in die Schweiz über und
beschränkte die Patientenzahl im Folgejahr auf 40 Personen, die
hauptsächlich wegen Neurasthenie (Nervenschwäche) und Hysterie behandelt
wurden.
Ende des Kurbetriebes
1891 verlegte Hecker die Anstalt nach Wiesbaden
und benutzte deshalb die Johannisberger Gebäude letztmals während der
Sommermonate 1892 und 1893. Um die Jahrhundertwende schlief der Kurbetrieb
in Bad Johannisberg dann ganz ein, während anderswo die kurmäßige Behandlung
nervöser Störungen bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges unverändert in
Blute stand.
Alte Johannisberger nennen noch heute die
Lokalität der früheren Kaltwasserheilanstalt das "Bad". Der alte
Wäschbrunnen und die sich heute hier anschließende Straße "Badpfad", von den
Einheimischen "Baadpeedche" genannt, erinnern noch
heute an die "glorreichen Zeiten" des einstigen Kurorts Johannisberg.
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